Mettingen – Vom Filial zum Stadtteil

Dieter Reicherter

Entnommen aus der Broschüre „Kirche im Dorf Menschen im Stadtteil“

 

Mettingen ist nicht Esslingen, Mettingens Geschichte nicht nur Esslingens Geschichte. Ihr nachzuspüren ist reizvoll, aber schwierig: hat es doch nie eine Ortschronik, bis 1895 auch weder Kirchenbücher noch sonstige Aufzeichnungen gegeben. Alle Welt redet von der bevorstehenden 1200-Jahr-Feier Esslingens. Wer hätte je von der 1979 anstehenden 750-Jahr-Feier Mettingens gesprochen? Und doch wird Mettingen - unzweifelhaft etliche Jahrhunderte früher als alemannisch Siedlung gegründet – zum ersten Mal in einer Urkunde des Jahres 1229 erwähnt, als Bürger Gotfried eine Schenkung in Mettingen macht, die nach Stadtrecht gültig ist. Das war damals durchaus noch klarzustellen, denn die Rechtsverhältnisse Mettingens waren verwickelt. Hier überschnitten sich die Interessensphären der angehenden Freien Reichsstadt Esslingen und der benachbarten Wirtemberger, die zu jener Zeit politisch noch im Hintertreffen gegen die aufstrebende Nachbarstadt waren. Dieser Konflikt und Mettingens besondere geographische Lage bestimmten seine Entwicklung auf Jahrhunderte. Im folgenden kann – sozusagen als Nebenprodukt meiner Dissertation über Esslingen – nur versucht werden, Schlaglichter auf kleine und große Entwicklungen für Mettingen zu werfen, die erwähnenswert scheinen. Mettingens frühe Geschichte liegt im Dunkel. Die Nähe zu Esslingen, das schon um 800 Marktrecht erhielt, mag die Entwicklung des landwirtschaftlich orientierten Dorfes bestimmt haben, in der Folgezeit verstärkt durch den Aufschwung der Stadt zum Verwaltungsmittelpunkt. Geprägt sind der Ort und seine Bewohner durch den Weinbau. Die ersten urkundlichen Nennungen Mettingens betreffen sämtliche Verträge über Weinberge (1229, 1259,1276). Die Nachricht, 1221 hätten sich Dominikaner in Mettingen niedergelassen, stammt erst aus späterer Zeit und kann deshalb nicht als erste urkundliche Erwähnung Mettingens gelten. Auch Klöster und fromme Orden haben hier Weinberge, von denen viele im 13.Jahrhundert durch Umwandlung von Äckern entstanden sind. Vor allem der Esslinger Spital und das Weiler Kloster besitzen hier zahlreiche Weinberge, die sie an Mettinger Weingärtner verpachten. Bereits 1395 wird eine Kelter des Klosters Weil in Mettingen erwähnt. Früh bewirtschaften die Mettinger Güter auf der anderen Neckarseite, so etwa Wiesen auf dem Brühl und Wälder an der Plienshalde, wohin man mit einem bereitgehaltenen Kahn gelangt – eine Brücke gibt es nicht.
Die ersten urkundlich bezeugten Mettinger heißen (o Wunder!) nicht Clauß und nicht Sohn, sondern Rebeman (1316) und Märklin (= Merkle, 1323). Sie tauchen zu einer Zeit auf, als Esslingen gerade den Höhepunkt seiner Macht überschritten hat: 1312 unterwirft es Stuttgart, Neuffen, Leonberg, Waiblingen, Schorndorf und Backnang, verliert seine Machtstellung aber schon 1316 wieder. Die Mettinger haben den Großteil ihrer Abgaben nach Esslingen zu entrichten, dessen Bürgern und Institutionen der größte Teil der Mettinger Grundstücke gehört. Da aber auch die Wirtemberger Besitzungen in Mettingen haben, andererseits die Esslinger in Obertürkheim und Uhlbach, kommt es zu mancherlei Komplikationen. Besitz heißt in jenen Zeiten auch politische Macht über die Bewohner der Güter.

Spielball der Mächtigen

Erst 1399 stecken Esslingen und die Wirtemberger ihre Sphären ab: in Mettingen hört alle Leibeigenschaft zu Württemberg auf, Esslingen erlangte das Vogt- und Steuerrecht. Dafür werden Obertürkheimer und Ulbacher Untertanen der Wirtemberger. Damit wird Mettingen zum Esslinger Filial, das es für immer bleiben soll. Die Geschicke des Orts werden von den Herren in Esslingen gelenkt. Die Verwaltungsarbeit ist den „Untergängern“, ab 1607 den Schultheißen übertragen, die vom Rat eingesetzt werden. Darüber kommt es zu mancherlei Spannungen, haben doch die Mettinger keinen Einfluss auf die Besetzung jener Stellen. Erst wenn es zu Beschwerden über die Untergänger bzw. den Schultheißen kommt, befasst sich vielleicht der Rat mit den Zuständen in Mettingen, so etwa mit den Beschwerden gegen den Schultheißen Hans Bechthold, dem Gewalttaten und Gotteslästerrungen vorgeworfen werden.
Die Mettinger werden gleich den anderen Filialisten zu mancherlei Diensten für die Stadt herangezogen. Gar manche Botendienste, Arbeiten an Wehren und Deichen und als Feuerläufer sind zu verrichten. In den zahlreichen Kriegen gibt es immer wieder zu vielen Einquartierungen in Mettingen, wo man nicht nur unter Kosten und Arbeit Einquartierungen zu leiden hat, sondern auch oft noch Plünderungen und Gewalttaten erdulden muss. Die ungeschützte Lage des Filials führt oft genug dazu, dass der Feind seine Wut im Filial auslässt. Mettingen wird mehrfach zerstört, zuletzt 1519 von den Württembergern niedergebrannt. Mancherlei Funde (z.B. Hausfundamente und ein Kelterstein) beweisen, dass es ehemals eine größere Ausdehnung in Richtung Obertürkheim hatte und später dort nicht mehr aufgebaut wurde.
Der Konflikt zwischen der Freien Reichsstadt Esslingen, die nur dem Kaiser untersteht, und dem aufstrebenden und sich immer weiter ausdehnenden Württemberg zieht sich durch einige Jahrhunderte hindurch. Wurde er bis 1519 mit militärischen Mitteln geführt, so sorgt in den folgenden Jahrhunderten wirtschaftlicher Druck dafür, dass das von allen Seiten eingeschlossene, auf Handel und Gewerbe angewiesene Esslingen seines Lebens nicht froh wird.
Diese Streitigkeiten hatten auch Auswirkungen auf den Weinhandel, so dass wiederum Mettingen mitbetroffen wird, als es den Württembergern zeitweilig einfällt, den Weinhandel aus Esslingen zu boykottieren. Mettingen hat z.B. im Jahr 1603 eine Weinbergfläche von 250 Morgen (Gesamtweinbergfläche von Stadt und Filialen in diesem Jahr = 1697 ½ Morgen). 1621 kommt es zu einem Panschskandal: unter den Wein sind Kräuter, Wurzeln und Samen gemischt. Mit ein Grund, dass in der Folgezeit das Obstmosten immer beliebter wird? Dennoch sind Weingärtner die größte Zunft, deren Pflichten in der Weingartenbauordnung von 1622 genau geregelt sind.
Mettingen war nicht nur für Wein-, sondern auch für Obst- und Gemüseerzeugung bekannt. Auch Zwiebeln gediehen hier, und getrocknete Birnen (Schnitze) waren sogar ein Ausfuhrprodukt. Bei der Viehhaltung überwogen Rindvieh, Schafe, Schweine, Hühner und Gänse.
Wichtig war für die Mettinger auch das Steinbrechen am Neckar, das ebenfalls zu Widrigkeiten mit den württembergischen Nachbarn führte, denn die Brühlwiesen gehörten zu Obertürkheim. In einem Vergleich wurde deshalb 1757 bestimmt, dass die Mettinger vor Beginn der Arbeiten jeweils das benachbarte Oberamt zu verständigen und vom Neckarufer 12 Schuh wegzubleiben hatten.
Eine bedeutsame Rolle in der Geschichte des Orts spielen die Keltern, die wegen der großen Traubenernten notwendig sind. Vermutlich gab es zeitweilig sogar mehrere Keltern. Es bedarf dringlicher Bitten der Filialisten (9.1.1699, 11.8.1701), bis die abgebrannte Köstlinsche Kelter wieder aufgebaut wird (1702). Ob es sich bei dieser Kelter um diejenige handelt, welche zwei Bürger 1686 in einer Stallung der Mettinger Herberge eingerichtet hatten, ist ungewiss.
Das Stichwort Herberge führt zum nächsten wichtigen Gebäude. Gelegen zwischen Schenkenbergstraße und Altenbergweg in Richtung Kirche, wurde es1550 von der Stadt als Herberge erstellt und 1552 bezogen. Es dient in der Hauptsache zur Beherbergung der Fremden, die abends nach Schließung der Esslinger Stadttore außerhalb übernachten müssen. 1584 wird den Mettingern das Weinausschenken verboten, um nicht die Existenz des Herbergwirts zu gefährden.
Eine Rolle spielt dieses Gebäude in der Sage vom Spuk, der vom Dachboden der Herberge aus auf unten Vorübergehende mit Zwiebeln geworfen haben soll. Zur Untersuchung des Spukes seien sogar einige Ratsherren aus Esslingen angereist, die aber keine Erklärung fanden, obwohl es auch während ihrer Anwesenheit „spukte“. Wer denkt bei dieser Geschichte nicht an die „Zwieblinger“?  

Krieg und Frieden

Man sieht, die Entwicklung in Mettingen zeigt keine plötzlichen Sprünge oder Sensationen. Sie geht durch Jahrhunderte ihren gemächlichen Gang, unterbrochen hauptsächlich nur durch Kriege, die oft genug zu einer drastischen Verminderung der Einwohnerzahl führen. Von den Kriegen gegen Württemberg (bis 1519) war schon die Rede. Möglich, dass der vorletzte dieser Kriege, der schwäbische Städtekrieg (1448-1454), die seltsame Baugeschichte unserer Kirche erklärt. Fällt er doch gerade in die Zeit, als man ans große Werk gehen will, und verringert die Zahl der steuerpflichtigen Mettinger schon im ersten Jahr von 40 auf 26, eine Verringerung, die noch über Jahrhunderte nachwirkt. Daher auch die geographische Beschränkung des Orts unter Aufgabe des nach Obertürkheim hin gerichteten Teils. Der Dreißigjährige Krieg kostet ebenfalls viele Opfer. Ab 1688 kommt es über mehr als ein Jahrhundert hinweg immer wieder zu den gefürchteten Franzoseneinfällen.
Der Übergang an Württemberg (1802) schließlich bewirkt – zwar nicht sofort, aber auf lange Sicht gesehen – tiefgreifende Veränderungen. Geht es  zunächst noch idyllisch zu, so bahnt sich doch schon die industrielle Revolution an. 1845 fährt die erste Eisenbahn an Mettingen vorbei nach Esslingen, und 1846 wird die Maschinenfabrik Esslingen gegründet. Noch in der Oberamtsbeschreibung von 1845 heißt  es: „Die Bewohner der Filialweiler sind Menschen von einfachen, unverdorbenen Sitten, an Arbeit und Entbehrung gewöhnt, gefällig und wohlwollend gegen Nachbarn und Fremde. Sie nähren sich fast ausschließlich von der Landwirtschaft“. Diese einseitige wirtschaftliche Ausrichtung ist auch Folge des reichsstädtischen Zünftewesens, das eine Ansiedlung von Handwerkern auf den Filialen nicht zuließ. Über Mettingen, das damals zusammen mit Sulzgries von einem Esslinger Diakon betreut wird, heißt es in der Oberamtsbeschreibung weiter: „Der Ort hat eine sehr freundliche, sonnige Lage mit vorzüglichen Weinbergen und ein reinliches Aussehen.“ Noch 1895 ist Mettingen dafür bekannt, dass hier jährlich 5 bis 6 Millionen Gurken und 200 Zentner Zwiebeln geerntet werden.
Erst in unserem Jahrhundert setzt sich Industrie in Mettingen fest. 1909 wird die Maschinenfabrik Esslingen (ME) hierher verlegt. In den folgenden Jahren siedeln sich die Firmen Farion, Ortlieb, Berner und Hirschmann an. Bei alledem ist aber Mettingen stets „Filial“ (heute Stadtteil) von Esslingen geblieben. Zwar gab es mehrere Versuche, aus dem Ort eine selbständige Gemeinde zu machen, doch scheiterten sie schließlich alle, teils an der Entscheidung höherer Behörden (1840, 1879), teils an der Meinung der Filialisten selbst (Abstimmung am 17.2.1871).
Die Entwicklung unseres Stadtteiles spiegelt sich in den Bevölkerungszahlen: 1363 sind es 34 Steuerpflichtige, 1441 = 40, 1450 und auch 1743 = 26, 1772 bereits 49 Steuerpflichtige. 1798 gibt es hier 50 Häuser. Wenn man die Zahlen der Steuerpflichtigen mit denen der Häuser etwa gleichsetzt, erhält man eine ungefähre Vorstellung von der Größe des Orts. Auf ein Haus dürften höchstens sechs Bewohner kommen. Mettingen hatte also grob gerechnet ca. fünf Jahrhunderte lang zwischen 150 und 300 Einwohner. Erst nach 1845 (373 Einwohner) geht es sprunghaft aufwärts: 1875 sind es schon 771, 1910 = 1702, 1925 = 2841, 1939 = 3583 und 1946 = 4784 Personen. Die jetzt wieder sinkende Bevölkerungszahl beträgt gegenwärtig 6106.
Wenn bislang der Ortsteil Brühl, der zum Stadtteil gehört, nicht auftauchte, so deshalb, weil er fast keine Geschichte hat, die mit Mettingen verbunden ist. Das Gelände gehörte seit jeher zu Obertürkheim, war also für Mettingen zu reichsstädtischen Zeiten Ausland. Es wurde im wesentlichen als Viehweide benutzt. Erst 1856 wurde dort unter Ausnutzung der Wasserkraft die Württembergische Baumwollspinnerei angesiedelt. In den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts kam die Brühler Markung zu Esslingen. Die Bevölkerungsstatistik weist für 1925 und 1939 jeweils 629, für 1946 = 830 Bewohner aus. Der Brühl wurde als Arbeiterkolonie angelegt und ist dies unter veränderten Vorzeichen (heute Daimler-Benz) geblieben. Heute sind es 1547 Bewohner, davon 1223 Ausländer. – Geschichtsträchtiger ist Weil, über das an anderer Stelle berichtet wird.