Die Kirchengemeinde Mettingen seit der Jahrhundertwende

Richard  Tramer

Entnommen aus der Broschüre „Kirche im Dorf Menschen im Stadtteil“

 

Die Kirchengemeinde Mettingen ist bis zum Jahre 1896 von der Esslinger Stadtgeistlichkeit pastoriert worden. Alle drei Wochen wurde abwechselnd eine Predigt oder Christenlehre hier gehalten. Sämtliche Trauungen fanden in Esslingen statt. Das selbständige Taufregister von Mettingen beginnt mit dem 1. Januar 1896. Vorher wurde zum Teil in Esslingen, zum größeren Teil in Mettingen in der Kirche und in den Häusern getauft.
Das Protokollbuch des Kirchengemeinderats beginnt mit dem 11. August 1896. „Nach dem Gesetz vom 14. Juli 1887, Art. 2, Ziff. 3, ist auch in der Filialgemeinde Mettingen ein eigener Kirchengemeinderat zu wählen. Gewählt wurden: Schultheiß Clauß, Christian Hägele, Jakob Böhmerle, Christoph Leonhard Clauß. Die neugewählten Mitglieder wurden im Anschluss an den Predigtgottesdienst in Anwesenheit der Gemeinde am 11. August 1889 feierlich verpflichtet.“ Den Vorsitz im Kirchengemeinderat führte damals der Helfer H. Roos aus Esslingen, der ein Jahr später zum Stadtpfarrer in Ludwigsburg ernannt wurde.
Orgelbeschaffung und Kirchenerweiterung waren bereits in jener ersten Sitzung des Kirchengemeinderats auf der Tagesordnung. Es ist interessant, wie dieser erste Kirchengemeinderat gleich zu Beginn seiner Tätigkeit die Sorgen und Fragen der Kirchengemeinde anging. So beschlossen sie bereits in ihrer fünften Sitzung, „an den Herrn Dekan die Anfrage zu richten, ob nicht in nächster Zeit dafür Sorge getragen werden könnte, dass in Mettingen die Gottesdienste vermehrt werden könnten, dass auch am Sonntagvormittag dann und wann Gottesdienste gehalten und dass ein eigener unständiger oder ständiger Geistlicher in Mettingen angestellt werde“.
Mit besonderem Erlaß vom 11. August 1896 wurde genehmigt, „dass in der Filialgemeinde Mettingen eine ständige Pfarrverweserei errichtet werde“. So zog am 16. September des Jahres Friedrich Barth, vorher Pfarrer in Hepsisau auf, und seine aus drei Zimmern und Küche bestehende Wohnung im Hause des Spinnmeisters Maier in der Hauptstraße 48 war die Pfarrwohnung. Es war gerade zur Zeit der „letzten größeren“ Kirchenrenovierung (1896), bei der die Emporen eingebaut und die 1865 von der Gemeinde Feuerbach abgekaufte Orgel vom Chor auf die Empore versetzt wurde. Pfarrverweser Barth wurde am 28. Juli 1897 durch Eugen Thomä abgelöst. Mit großem Eifer machte sich der neue Pfarrverweser an die Arbeit und bereits wenige Wochen nach seinem Aufzug gründete er einen „Jünglingsverein“, der mit seinen 15 Mitgliedern jeden Sonntagabend im Schulhaus zusammenkam. Es war damals – wie er selber einmal berichtet – nicht leicht, gegen die „Konkurrenz“ der Vereine eine Jugendarbeit aufzubauen.

Pfarrverweser Eugen Thomä wird erster ständiger Pfarrer in Mettingen

Pfarrverweser Eugen Thomä

„Am 24. November 1901 haben Seine Majestät, der König, allergnädigst geruht, die neuerrichtete evangelische Pfarrei Mettingen dem Pfarrverweser Eugen Thomä in Mettingen zu übertragen. Dem neuernannten Geistlichen ist der 1. Januar 1902 zum Aufzugstermin bestimmt worden.“ Bei seiner Einsetzung in das hiesige Pfarramt  hat der neue Pfarrer im Gottesdienst vor der Gemeinde aus seinem Leben berichtet und u.a. gesagt: „...Nun stehe und arbeite ich schon mehr als vier Jahre in dieser Gemeinde. Ich hätte am wenigsten bei meiner Herkunft gedacht, dass ich hier für viele Jahre, soweit Menschen voraussehen können, bleiben soll. Ich habe Mettingen nur als eine kürzere Wanderstation angesehen, nun ist es mir zur Heimat geworden. Und gerade die Art, wie es soweit kam, gänzlich ohne mein Zutun, ist mir ein sicheres Anzeichen dafür, dass Gott es so gewollt und mich hierher geführt hat, und dieses Bewusstsein macht nun auch mich, den anfangs so Bedenklichen und Ängstlichen, getrost und mutig. Gott wird mir auch fernerhin geben, was ich brauche zur Ausübung des heiligen Amtes, wenn ich nur einfältig darum bitte und wenn auch Ihr, Geliebte, nicht aufhört, für mich zu beten; diese Fürbitte, das ist überhaupt der größte und wertvollste Liebesdienst, den Ihr mir erweisen könnt und um den ich Euch in dieser wichtigen Stunde von ganzem Herzen bitte.“
 Die neu errichtete Pfarrstelle gab dem neuen Pfarrer die Möglichkeit, eine rege Pioniertätigkeit zu entwickeln. So wurde 1904 mit einem Aufwand von 12600M eine neue Kleinkinderschule gebaut, die alte, seit 1887 bestehende, ablöste.
Man denkt beim Lesen der Pfarrberichte und der einzelnen Kirchengemeinderatsprotokolle unwillkürlich an das Wort des Apostel Paulus, der im Blick auf sich und seine Mitarbeiter und Nachfolger sagen konnte: „Wer ist nun Paulus, wer ist Apollos? Diener sind sie, durch welche ihr seid gläubig geworden und das, wie der Herr einem jeglichen gegeben hat. Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen; aber Gott hat das Gedeihen gegeben!“
Thomä als der erste ständige Pfarrer der Gemeinde hat gepflanzt, hat Fundamente gelegt, und andere nach ihm hatten weiterzubauen. Im April 1903 konnte er seinen längst gefassten Plan verwirklichen und den Krankenpflegeverein Mettingen-Brühl e.V. gründen, der sich die Anstellung einer Gemeindediakonisse zur Aufgabe macht, die vom Diakonissenmutterhaus Stuttgart gestellt wird. Damals hat es neben den 1112 Evangelischen nur 75 Katholische gegeben. Das am 21. April 1902 in Angriff genommene, auf Rechnung der Gesamtkirchengemeinde Esslingen erbaute Pfarrhaus konnte Pfarrer Thomä mit seiner Familie am 20. November 1902 beziehen.
Aus seiner gewissenhaft angelegten Pfarrbeschreibung erfahren wir auch einiges über unsere Mettinger Kirche, wie sie der neue Pfarrer vorfand. Sie war erst wenige Jahre vorher renoviert worden. Die Heizung mit einem Ofen und seit 1903/4 mit zwei Petroleumöfen machte wegen der Größe und Höhe des Chors Mühe. Die Beleuchtung geschah mittels Petroleumlampen. Wegen der schlechten Beleuchtung der Empore wurde im Jahre 1901 durch Baurat Frey von Stuttgart das westliche Giebelfenster über der Tür angebracht. Im Jahre 1901 wurde auch eine neue Orgel mit 11 Registern von der Firma H. L. Gohl & Sohn in Kirchheim u.T. um die Summe von 3435M gebaut und am Ernte- und Herbstdankfest eingeweiht.

Menschen im Stadtteil

Im Jahr 1910 entstand aus den Reihen des Jünglingsvereins Mettingen eine Bläsergruppe (Quartett), die bald zu einem Posaunenchor anwuchs. Kirchengemeinderat und Pfarrer begrüßen die Posaunenchorarbeit und waren auch bereit, ihren Beitrag zur Beschaffung von Instrumenten zu geben. Die Gemeindemitglieder freuen sich, wenn jeden Sonntagmorgen von den Höhen der Weinberge ein Choral geblasen wird. Der Posaunenchor beteiligt sich im Einvernehmen mit Pfarrer und Organist auch an den Gottesdiensten, besonders an Feiertagen. Dies hat sich vor allem bei der Einführung des neuen, 1912 erschienenen Gesangbuchs bewährt.
Die Ansiedlung der Maschinenfabrik Esslingen (ME) bringt für Mettingen manche Vorteile, vor allem Arbeitsplätze für die Einheimischen, für das Gemeindeleben aber auch manche Schattenseiten, wie das Kostgängerwesen, Beeinträchtigung der Sonntagsruhe und manche Aufgaben.
Man kann nicht sagen, „die Kirche habe damals geschlafen“, denn in Mettingen hatte die Kirchengemeinde ein waches Auge für Nöte und Notwendigkeiten jener Zeit. So ist es notwendig geworden, für die Gemeindekrankenpflege eine zweite Diakonisse anzustellen. Der Kirchengemeinderat beschließt auf Antrag seines Vorsitzenden, bis auf weiteres das Karfreitagopfer für den Krankenpflegeverein zur Verfügung zu stellen, ein Zeichen der Wertschätzung dieser Arbeit.
Der Erste Weltkrieg wirft seine Schatten auch auf Mettingen. Schon am 2. August wird nach der Predigt und am 4. August nach einer „Kriegsbetstunde“ zur Verabschiedung der Krieger das Heilige Abendmahl gehalten. In den Unterlagen des Pfarramts ist von Kriegsbegeisterung nichts festzustellen. Der Krieg bringt neue Aufgaben mit sich, andere dagegen treten in den Hintergrund. Jetzt geht es darum, Kriegsbetstunden zu halten, Gelder freizumachen, „um etwaigen durch den Krieg entstandenen Notständen, die von anderer Seite keine Berücksichtigung finden, zu begegnen“. Alle eingezogenen Söhne der Mettinger Gemeinde bekommen aus Mitteln der Kirchenpflege eine Weihnachtsgabe. Die Familien gefallener oder verwundeter Krieger werden vom Ortspfarrer treu besucht. Auch werden viele Naturalien in die Lazarette in Esslingen gegeben.
Der Krieg fordert schwere Opfer. Bis Ende 1916 waren es 42 Gefallene und etliche Verwundete, zu deren Gedächtnis an den Sonntagabenden eine Kriegsbebetstunde mit Verlesung ihres Lebenslaufes gehalten wurde. Am 10. März 1918 wird bei einem Fliegerüberfall das Haus von Johann Straub, Hauptstr. 53, zerstört. Natürlich bringt der Krieg manche Gemeinde- und Vereinsarbeit zum Erliegen. So muss Pfarrer Thomä schon in der Kirchengemeinderatssitzung im Februar 1915 berichten, dass der CVJM seit Gründung der Jugendwehr, deren Übungen am Sonntag stattfanden, bis auf wenige Mitglieder zusammengeschmolzen ist und der Posaunenchor jetzt ruhe, da ein Teil seiner Mitglieder im Feld stehe.
Am 28. Dezember 1916 muss Stadtpfarrer a.D. Jäger dem Kirchengemeinderat die traurige Mitteilung machen, dass Pfarrer Thomä am 26. Dezember gegen 19 Uhr nach nur zweitägiger Krankheit infolge von Herzschwäche im Alter von 48 Jahren in die himmlische Heimat abgerufen wurde. Der Trauergottesdienst ist am Freitag, dem 29. Dezember, in der Mettinger Kirche, die Beerdigung am gleichen Tag nachmittags auf dem Waldfriedhof in Stuttgart. Stadtpfarrer a.D. Jäger versieht den Dienst als Pfarrverweser in Mettingen bis zum Aufzug des neuen Pfarrers. Der Krieg raubt Mettingen eine Kirchenglocke. Von den drei Turmglocken wird die jüngste herabgelassen, um in Kriegsmetall verwandelt zu werden. Von den zwei älteren erinnert die eine, 1631 gegossene, an die Mitte des Dreißigjährigen Krieges und mahnt: „Gott allein die Ehre!“, die andere vom Jahr 1665 an die Zeit, als die Kirche, die dem katholischen Gottesdienst anheimgefallen war, dem evangelischen Gottesdienst zurückgegeben wurde; sie sollte mahnen: „Kommt ihr alten, auch heran, betet Gott den Herren an, dass sein Wort bei uns allhier lauter bleibe für und für!“ Die 1905 aufgehängte Glocke mit der Umschrift Matthäus 11, 28, die zwischen vielen Personennamen auch den von Pfarrer Thomä trug, ist nun freilich verschwunden, aber die Einladung des Heilands an die Mühseligen und Beladenen erschallt dennoch weiter.

Pfarrer Paul Völter

Am 16. August 1917 zieht der neue Pfarrer Paul Völter von Beutelsbach kommend in Mettingen auf. Er ist verheiratet und Vater von sechs Kindern. Er hat es natürlich nicht leicht, die von Pfarrer Thomä so stark geprägte Gemeinde zu übernehmen. Er selber weiß darum und es war ihm gewiss ein großes Anliegen, als er in seiner ersten Kirchengemeinderatssitzung das Kollegium um dessen Unterstützung in seinem Amt mit Rat und Tat bat.

Pfarrer Völter war ein Mann mit außerordentlich scharf entwickeltem Wahrheitsgefühl. Dieses Wahrheitsgefühl konnte sich bei ihm manchmal in recht scharfer Form äußern; das hat vielleicht manchen die Güte, die im Grund seines Herzens wohnte, nicht entdecken lassen.

An weltlichen Vereinen ist kein Mangel, sie nehmen die Mettinger schwer in Beschlag. Um so weniger Sinn und Wille ist für christliches Vereinsleben vorhanden. Die insbesondere vom Esslinger CVJM wiederholt unternommenen Versuche, einen Jünglingsverein wieder ins Leben zu rufen, sind regelmäßig gescheitert. Der vor dem Krieg vorhandene Posaunenchor des Mettinger Jünglingsvereins hat sich nach dem Krieg in eine „Feuerwehrkapelle“ verwandelt. Dagegen ist es in den letzten Jahren gelungen, einen kleinen Mädchenkreis zu gründen. Krankenpflegeverein, Frauenvereinigung zur Versorgung bedürftiger Kranker mit Essen und Nahrungsmitteln, Bibel- und Betstunden, Konfirmandenunterricht, Singstunde des Kirchenchors und die „Süddeutsche evangelische Vereinigung“ gehören zum kirchlichen Leben der Gemeinde. Dem allem dient der Saal im Pfarrhaus, der ca. 70-100 Personen fasst.

Ein Höhepunkt in Amt und Leben von Pfarrer Völter, dessen Bezirk 1923 um den Weiler Brühl vergrößert worden war – schon 1910 war das Gestüt Weil zur Parochie gekommen - , bildet die Glockenweihe kurz vor Weihnachten 1928, die er nicht bloß trefflich vorbereitet, sondern mit Geist erfüllt und zu einem rechten Gemeindefest gemacht hat. Er hat wohl nicht daran gedacht, dass die Glocken ihm selbst so bald zu Grabe läuten werden. Nachdem ihm im Jahre 1923 seine Ehegattin im Tode vorausgegangen war, ist er am 7. Januar 1929 schnell und unerwartet im Sanatorium in Hirsau verstorben. Es ist wie ein Vermächtnis, wenn der Verstorbene eines seiner Lieder mit den Worten endet: „Du hörst, o Vater, was dein Kind hier fleht. / Du weißt, o Liebe, wie es um mich steht. / In deinem Nahmen nehm ich auf den Streit / und sage: Ich will dich zwingen, bittres Leid! / Ach stärke du der schwachen Kräfte Mühn! / Ach laß des Glaubens Flämmlein nicht verglühn! / Ich kann ja selber nicht mein Leiden wenden: / Du, Vater, kannst es wenden, wirst es enden.“

Die neue Zeit

Pfarrer

Pfarrer Ferdinand Vischer, der im Juli 1929 mit seiner Familie in Mettingen aufgezogen ist, weiß sich vor ganz neue Probleme gestellt. Immermehr zeigt sich, dass Mettingen keinen einheitlichen Charakter mehr hat. Aus der kleinen Weingärtnergemeinde ist im Laufe der Jahrzehnte ein Industrieort, eine Vorstadtgemeinde, geworden. Zugang und Abgang wechseln so stark, dass sich nur selten ein freundschaftliches Verhältnis unter einzelnen Familien und Hausgemeinschaften bilden kann. Ein solches besteht nur zwischen den alteingesessenen Familien. Im übrigen fahren die Familien am besten, wenn sie „für sich bleiben“. In den Jahren der Arbeitsnot und der Arbeitslosigkeit, da der arbeitslose Mann von der verdienenden Frau oder gar beide Eltern von den verdienenden Kindern abhängig sind, muss der rechte Familiensinn seine Feuerprobe bestehen. Bald aber bessern sich die Erwerbverhältnisse und Verdienstmöglichkeiten. Die Weingärtner haben neben dem unsicheren Ertrag ihrer Weinberge den das ganze Jahr hindurch gesicherten Erlös der Marktware. Die große Maschinenfabrik und einige kleinere Betriebe am Ort, auch die Industrie der Umgebung bis nach Stuttgart geben Arbeit und Verdienst; die Spinnerei und Weberei Brühl für Frauen und Mädchen. Mag auch der Verdienst des einzelnen bescheiden sein, so sind doch viele Familien durch das Mitverdienen erwachsener Söhne und Töchter recht gut gestellt. Aber immer mehr zeigt sich nun auch der Einfluss der Nationalsozialistischen Partei.

Der Ortspfarrer weiß in diesem Zusammenhang manches zu berichten: das Familienleben leidet unter dem übermächtigen Einfluss, den Parteiorganisationen auf alle, besonders auf die Jugend, ausüben. Die jüngere Männerwelt und die ist an den meisten Sonntagen in Anspruch genommen. Das gebieterische Auftreten der Partei bedeutet für Eltern und Kinder einen schweren Kampf, vollends bei der schon über das Kindesalter hinauswachsenden Jugend. Eltern und Pfarrer stehen da machtlos gegenüber.

Das kirchliche Vereinsleben erhält mit der Zeit immer tiefgreifendere Veränderungen. Der vorher schon schwache Jünglingsverein verliert durch „Eingliederung“ fast alle älteren Mitglieder. Die Arbeit an der konfirmierten Jugend hört fast ganz auf. Besondere Erscheinungen auf religiösem Gebiet sind die beiden kleineren Gemeinschaften, die wöchentlich im Pfarrsaal ihre Stunden halten, eine „Hahn’sche“ und eine „Süddeutsche“; die Sprecher von beiden kommen von auswärts. Austritte zu Sekten erfolgen wenig, dagegen um so mehr zu den „Deutschen Christen“, die starke Umtriebe machen. Ein Teil der Ausgetretenen schließt sich keiner Religionsgemeinschaft an, sie sind „völkisch“ oder „gottgläubig“ eingestellt. Die systematische Verhetzung durch die Presse wird beklagt.

„Der Kirchengemeinderat besteht nach wie vor aus Mitgliedern, davon sind sieben gewählt. Drei von letzteren verdanken ihre Wahl 1933 ihrer Zugehörigkeit zur NSDAP. Diese Zusammensetzung brachte es mit sich, dass die Sitzungen auf ein Mindestmaß beschränkt wurden. Aus den genannten Gründen trat die Behandlung innerkirchlicher Fragen zurück und beschränkte sich mehr auf Verwaltungsfragen“, wie Pfarrer Vischer berichtet. –

Nachdem die Zeit der Arbeitslosigkeit vorüber ist und die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt und Winterhilfswerk die Fürsorge für die Bedürftigen in die Hand bekommen haben, bleibt der kirchlichen Armenpflege nunmehr ein kleines Betätigungsfeld,

Pfarrer Vischer hat „mit seinem frohen Mut und seinem gesunden Humor“, nach dem Urteil derer, die ihn auch heute noch in bester Erinnerung haben, in dieser für die Kirche so schweren Zeit tapfer seinen Mann gestanden.

Als im Juni 1939 der „Evangelische Gemeindeverein“ von der Geheimen Staatspolizei aufgelöst wurde, aber Pfarrer Vischer „den Hilfsdienst, den die Vertrauensleute dieses Vereins dem Pfarramt zur seelsorgerlichen Erfassung und Betreuung der Gemeindemitglieder geleistet haben, für unentbehrlich hält“, richtet er einen „Helferkreis“ ein, der aus den alten Vertrauensleuten und neu hereingenommenen Gemeindemitgliedern besteht und vom Pfarrer immer wieder zur Besprechung schwebender Fragen innerhalb der Gemeinde zusammengerufen wird.

Im Blick auf das damalige Verhältnis von Staat und Kirche und der von der NSDAP erwirkten Maßnahmen und deren Auswirkungen auf die Ortsgemeinden sagt das nachstehende Protokoll der Sitzung des Helferkreises vom 4. November 1941 mehr als genug. Zwei Fragen wurden behandelt: 1. Was will der Staat mit der Kirche? 2. Was tun wir dagegen? – Der Vorsitzende, Pfarrer Vischer, klärt die Anwesenden über verschiedene Maßnahmen auf, die die Stellung des Staates zur Kirche grell beleuchten: Kürzung der Staatsleistungen an die Kirche und die dadurch veranlasste Erhöhung der Kirchensteuer; Aufhebung und Enteignung der vier theologischen evangelischen Seminare; Unterdrückung der christlichen Presse (Gemeindeblatt, Sonntagsblatt, gedruckte Predigten, christliche Kalender, Feldpostsendungen); Übernahme sämtlicher Kindergärten; Einschränkung der Krankenhausseelsorge; Abschaffung der Taufen in Kliniken; Ersatz des Religionsunterrichts in der Schule durch Weltanschauungsunterricht und schließlich Gefährdung, beziehungsweise Hintertreibung des Gottesdienstbesuchs der Jugend. – Dagegen hilft nach den Worten von Pfarrer Vischer nur: Treues Festhalten an der Kirche trotz erhöhter Opfer; fleißiges Benutzen des vorhandenen christlichen Schriftmaterials (Bibel, Gesangbuch, Spruchbuch, gebet- und Predigtbücher); Benutzung der evangelischen Kindergärten; Beachten der Vorschriften über Krankenhausseelsorge; Taufen in der Heimat (Kirche oder Haus); Anmeldung zum Religionsunterricht in der Schule; eventuell Beschickung des kirchlichen Religionsunterrichtes, jedenfalls der Kinderkirche; Besuch von Gottesdienst, Bibelstunde, Missionsverein.

Schmerzlich für Pfarrer und die ganze Gemeinde ist, als am 10. Dezember 1941 – noch vor Weihnachten – die bereits zu Beginn des Zweiten Weltkrieges beschlagnahmten drei größeren Bronzeglocken abgenommen werden. Die vierte, kleinste Glocke wird gegen eine 240 Jahre alte, sechs Zentner schwere Glocke von der hinteren Kirche in Esslingen umgetauscht, da diese für Gottesdienste nicht mehr benötigt wird, aber gerade deswegen in ihrem Bestand gefährdet ist,

Ende und Neuanfang

Nach jahrelanger Unterdrückung und systematischer Erdrosselung alles christlichen Lebens ist nach dem Kriegsende für die Kirche und das evangelische Gemeindeleben eine neue Situation gegeben. Neue Aufgaben kamen auf die Gemeinde zu. Es war für die Kirchengemeinden in allem, bis hin zu den Finanzen und dem Haushaltswesen, ein Neuanfang. Dankbar darf an dieser Stelle auch des am 28. November 1945 nach kurzer Krankheit im Alter von 81 Jahren verstorbenen Kirchenpflegers Julius Clauß gedacht werden. Während seiner fünfundzwanzigjährigen Amtszeit stand er, wie vorher schon sein Bruder, in selbstlosem, treuem Dienst den verschiedenen Pfarrern zur Seite. Seine damals dreißigjährige Tochter Hilde Clauß, die schon seit längerer Zeit ihren Vater unterstützte, wurde vom Kirchengemeinderat einstimmig als Nachfolgerin des verstorbenen Vaters als Kirchenpflegerin gewählt. Pfarrer Vischer trat 1946 altershalber in den Ruhestand.

 

Pfarrer

Am 16. Februar 1947 fand die Investitur des neuen Pfarrers, Wolfgang Zeller, statt. Der vielseitige Dienst in der Gemeinde, Verkündigung und Seelsorge und nicht zuletzt die kirchliche Verwaltung nehmen auch den neuen Pfarrer ganz und gar in Anspruch. In den Protokollen der Kirchengemeinderatssitzungen in den folgenden Jahren tauchen immer wieder die gleichen Fragen, Nöte und Probleme auf: kirchliche Versorgung in Brühl und Weil, Raumnot in der evangelischen Gemeinde, der Wunsch der Gemeindemitglieder nach einem neuen Glockengeläute und einem Gefallenengedächtnismal und der bauliche Zustand der Kirche. – Freudig und beglückt kann Pfarrer Zeller im Ortsbericht des Gemeindeblattes, das nun wieder regelmäßig erscheint, berichten: „ Der 24. August, der Bartholomäusfeiertag, ist für unsere Gemeinde bedeutungsvoll geworden. Am Nachmittag dieses Tages wurden in der Glockengießerei Heinrich Kurz, Stuttgart, drei von vier Glocken gegossen, die auf unseren Kirchturm kommen sollen. Eine große Anzahl von Gemeindemitgliedern, jung und alt, hat die Gelegenheit benutzt, an Ort und Stelle einmal zu sehen, wie Kirchenglocken entstehen und zu hören, was alles vorbereitet, berechnet und gearbeitet sein muß, bis so eine Glocke nach der letzten Prüfung die Gießerei verlässt.“ Am 27. September 1950 kamen die drei neuen Glocken auf den Turm.

Schritt für Schritt wagt man sich an neue Aufgaben heran, ohne den inneren Aufbau der Gemeinde zu vernachlässigen. Auf dem Brühl wird bereits 1947 alle 14 Tage ein Sonntags-Frühgottesdienst gehalten (im Speisesaal der Fabrik, später im Schulgebäude). Immerhin kommen etwa 40 Gemeindeglieder zusammen. In dem nach dem Krieg entstandenen

Altersheim in Weil werden seit 1949 regelmäßig Bibelstunden gehalten. Auch sonst geschieht alles mögliche in der Gemeinde, die kirchliche Arbeit zu fördern. Frauenkreise in Mettingen und auf dem Brühl treffen sich regelmäßig, und auch ein kleiner Männerkreis kommt einmal im Monat zusammen, um aktuelle Themen im Licht des Wortes Gottes zu besprechen. In unmittelbarer Nachbarschaft der 1952 eingeweihten katholischen Kirche kann dann am 4. Adventsonntag, am 19. Dezember 1954, die feierliche Grundsteinlegung des evangelischen Gemeindehauses stattfinden. Dem Gesang des Kirchenchors: „Wo Gott zum Haus nicht gibt seine Gunst...“, folgt die Grundsteinlegung mit den Worten: „Im Glauben an den Herrn Jesus Christus legen wir diesen Grundstein zu unserem Gemeindehaus, dass dieser Ort dereinst zu einer Stätte werde der Gnadengegenwart Gottes, des Gebets und der Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus, dem Heiland der Welt, - Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Amen.“

In einem Abschiedswort an die Gemeinde schreibt Pfarrer Zeller am 9. Februar 1955: „Obwohl ich schon im 67. Lebensjahr stehe, hätte ich, wenn es nach meinem Wunsch gegangen wäre, ganz gerne noch bis zur Vollendung des im Bau befindlichen Gemeindehauses mitgearbeitet. Meine gesundheitlichen Verhältnisse haben mich aber gezwungen, dem ärztlichen Urteil folgend, den Herrn Landesbischof um baldige Entlassung aus dem Amt zu bitten. So bin ich denn am 18. Januar mit Wirkung von 1. März 1955 in den Ruhestand versetzt worden. In Korntal habe ich nun eine Unterkunft gefunden“.

Pfarrer

Pfarrverweser Alfred Engel versorgt nun die Gemeinde, bis der neue Pfarrer aufzieht. Dies geschieht am 17. August 1955. Pfarrer Gerhard Wagner mit Frau und fünf Kindern hofft, wie er bei seiner Investitur sagt, „dass die dringenden Aufgaben, die uns allen zunächst einmal mit der Vollendung des hiesigen Gemeindehauses gestellt sind, uns ebenso herzlich zusammenwachsen lassen im Dienste des einen Herrn, der nicht nur ein totes Gebäude aus Stein, Beton und Holz von uns haben möchte, sondern der uns alle mit hineinnehmen möchte als lebendige Bausteine in das geistliche Haus seiner Gemeinde“.

Fast auf den Tag, da die evangelische Gemeinde Mettingen eine ständige Vikarsstelle vom Oberkirchenrat genehmigt bekam, zieht auch der neue Vikar Auer mit seiner Frau im Mettinger Pfarrhaus ein. Noch bevor die Mettinger ihren neuen Vikar richtig zu Gesicht bekamen, hat er sich durch sein abendliches Choralblasen in der Gemeinde bekannt gemacht und er sieht es als eine Aufgabe an, sobald als möglich in der evangelischen Kirchengemeinde einen neuen Posaunenchor entstehen zu lassen. Am 27. November 1955, dem 1. Advent, kann das neue Gemeindehaus in Betrieb genommen werden. Am 8. Januar 1956 folgt bereits der erste Gemeindenachmittag, an dem die Mettinger bei Kaffee und Gebäck zum ersten Mal außer sonstigen Einlagen den neu gegründeten Posaunenchor zu hören bekommen.
Mit dem neuen Gemeindehaus in der Lerchenbergstraße war die Voraussetzung geschaffen, das kirchliche Leben in der Gemeinde weiter auszubauen. Neben der Hausmeisterwohnung und den beiden Kindergartenabteilungen einschließlich der Wohnung für eine Kindergärtnerin kann auch die Schwesternstation für die Gemeindekrankenpflege im Hause untergebracht werden. Während die Gottesdienste augrund einer in der Gemeinde vorgenommenen Abstimmung im Sommerhalbjahr in der Kirche stattfinden, steht der Gemeindesaal für das Winterhalbjahr als Gottesdienstraum zur Verfügung.
Nicht nur auf das Türmchen im Gemeindehaus kam eine von der Baufirma Haug in Esslingen zum Gedächtnis ihrer Eltern gestiftete kleine Glocke, am 3. Februar 1957 konnte auch auf dem „Faifegrädler“ die letzte vierte Glocke in Dienst genommen werden. Das schöne, harmonische Geläute ruft es von nun an allen zu: „Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste“ (vierte Glocke); „Seid fröhlich in Hoffnung“ (erste Glocke in G’); „Geduldig in Trübsal“ (zweite Glocke in A’); „Haltet an am Gebet“ (dritte Glocke in C’).
Kaffeenachmittage mit Darbietungen verschiedener Art, Bazars, auch kulturelle Darbietungen sollen künftig genauso zum Programm und Angebot der Gemeinde gehören wie Bibelwochen, Kirchenchor, Posaunenchor und Jugendarbeit. Das Gemeindehaus ist Treffpunkt der Gemeinde.
Nun war auch die Zeit gekommen, für die kirchliche Versorgung von Brühl und Weil einen kirchlichen Raum zu schaffen. Am 3. Juli 1959 konnte Pfarrer Wagner dem Kirchengemeinderat mitteilen, dass am Anfang der Weiler Allee das Kirchengebäude errichtet werden soll und die Gesamtkirchengemeinde Architekt Kanzora mit der Ausarbeitung der Baupläne beauftragt habe. Als Pfarrer Wagner auf eigenen Wunsch hin vom Landesbischof mit Wirkung vom 1. April 1962 zurr Übernahme eines Dienstes bei der Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelischer Jugendaufbaudienst freigestellt wurde, stand bereits der Rohbau der Lukaskirche in Weil.

Pfarrer

Dem Nachfolger, Pfarrer Richard Tramer, blieb lediglich die Aufgabe, den Innenausbau dieser schönen Kirche zu betreiben. Es war für ihn und die gesamte Mettinger Gemeinde ein besonderes Erlebnis, als am 8. September 1963 die neue Lukaskirche eingeweiht werden konnte.