Aus Weils Geschichte

Felix Burger

Gemälde von

Der Maler Gottlob Friedrich Steinkopf hat in einem Gemälde, das um das Jahr 1830 entstand, das Neckartal mit dem Gestüt Weil, dem Weiler Schlößle und im Hintergrund die Mettinger Kirche festgehalten. Es ist ein beschauliches Bild, das nichts von Unruhe unserer Tage weiß. Deshalb wundert es uns wohl nicht, wenn Napoleon III. beim Anblick dieser Landschaft ausrief: „Welch ein wundervolles Stück Erde!“ Und sein Gastgeber, König Wilhelm I. von  Württemberg, soll kurz vor seinem Tode im Blick auf die Weiler Gefilde geäußert haben: „Ach, dass ich von einem so schönen Flecken scheiden muss.“

Unter dem Eindruck solcher Äußerungen wollen wir den Spuren der früheren Geschichte dieses Weiler Landstriches ein wenig folgen. Nur wenige Gemeindeglieder werden wissen, dass gerade dieser verhältnismäßig junge Esslinger Stadtteil geschichtsträchtige Erinnerungen aufweisen kann, die in ihrer Bedeutung auch kirchengeschichtlich nicht uninteressant sind.

Die Nonnen schlossen sich zunächst der Regel des heiligen Augustinus an, vertauschten sie aber später mit der des heiligen Dominikus. Das mag nicht verwundern, denn Esslingen beherbergte in seinen Mauern und in der näheren Umgebung einige Dominikaner-Klöster, z.B. das Predigerkloster und das Dominikanerinnenkloster zu Sirnau. Das Weiler Nonnenkloster gewann in den folgenden Jahrzehnten und im weiten Umkreis beachtliche Bedeutung, so dass sich auch die Zahl der Klosterinsassen stark vermehrte.

Im Jahre 1360 begaben sich die Nonnen unter den Schutz der Grafen zu Wirtemberg; das löste Hass und Zorn der Reichsstadt Esslingen aus.

Als im Jahre 1339 zur Finanzierung der Vergrößerung des Klosters etliche Weinberge bei Esslingen aus Klosterbesitz verkauft werden mussten, bestimmte der Ordens-Provinzial, dass die Anzahl der Nonnen 70 möglichst nicht übersteigen sollte.

Das Klosterleben im 13. und 14. Jahrhundert kennzeichnet eine starke Liebe zu Gott, Weltentsagung und strenge Selbstpeinigung. Nicht unerwähnt bleiben darf eine gewisse schwärmerische Ekstase, die der Mystik jener Zeit mit eigen war. Aber gerade dieser Geist des Klosters ist uns in 23 Lebensbildern einzeln benannter Nonnen überkommen, die als sogenannte „Viten von Weiler“ weithin bekannt wurden. Diese Sammlung gibt uns Zeugnis von tiefen Frömmigkeit und dem Tugendstreben dieser Frauen. Dies ist auch deshalb besonders nennenswert, da wir dadurch Einblick gewinnen in die religiösen Ideale und das Gemütsleben eines solchen Nonnenklosters im schwäbischen Raume, zumal uns solche Berichte nur in ganz begrenztem Umfang zugänglich und erhalten sind.

Leider blieben die aufgezeigten Ideale eines weltabgewandten Klosterlebens nicht auf ihrer Höhe erhalten, sondern verfielen mehr und mehr, so dass sich Graf Ulrich von Wirtemberg im Jahre 1478 genötigt sah, das Kloster Weil zu reformieren. Das geschah in der Weise, dass zu den noch vorhandenen 20 Nonnen zehn Reformschwestern aus dem Kloster St. Margareten in Straßburg hinzukamen, um die strenge Observanz auch in Weil einzuführen.

All diese Bemühungen konnten aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Klosterleben allgemein im Niedergang befand. Dazu kam, dass das Kloster im Jahre 1519 eine erneute Bradschatzung durch Landsknechte und Söldner über sich ergehen lassen musste.

Das klösterliche Leben fand aber danach mehr und mehr durch die um sich greifende Reformation von Luther und Brenz sein Ende. Zwar sträubten sich die wenigen Nonnen hartnäckig gegen die von Herzog Christoph im Jahre 1556 einzuführende Reformationsordnung. Was blieb übrig, als den Konvent aussterben zu lassen? Aus dem Jahre 1560 berichtet die Statistik von noch achtzehn „halsstarrigen Nonnen“. 1570 waren es noch vier. Im folgenden Jahr wurden die Klostergüter von der württembergischen Regierung eingezogen. Aber erst im Jahre 1590 fand mit dem Tode der letzten Priorin Ursula Ehingerin in Weil das Kapitel der Weiler Klostergeschichte sein Ende.

Heute stehen die Gebäude des Klosters längst nicht mehr. Das letzte Gemäuer ist zweckentfremdet mehr und mehr verfallen und vor wenigen Jahren abgebrochen worden. Wohl aber erinnert die „Klosterallee“ im Stadtteil Weil an Aufstieg und Niedergang des Weiler Dominikanerinnenklosters.

Die Lage des Klosters wurde besonders dann bedrohlich, als zwischen den Reichsstädten und den Territorialherren in den Jahren 1376/77 der Städtekrieg ausgelöst wurde. Soldaten aus Esslingen und Ulm haben in seinem Gefolge das Kloster Weil ausgeplündert, verbrannt und seine Besitzungen verwüstet.

Trotzdem erholte sich das Kloster dank seines immer noch ansehnlichen Besitzes sehr rasch. Aber schon im Jahre 1449 kam das Kloster wiederum wegen seiner Abhängigkeit von Wirtemberg erneut in starke Bedrängnis. Die Esslinger verheerten die Besitzungen, verbrannten die Klostermühle am Neckar und scheuten sich nicht, die Nonnen zu misshandeln und das hölzerne Bild ihres Schutzpatrons, „ihren Herrgott und Palmesel“, zu beschädigen.

Pieta aus dem

Als 1457 eine neue Fehde zwischen der Reichsstadt Esslingen und Wirtemberg auszubrechen drohte, flüchteten die Nonnen nach Stuttgart. Wohl kehrten sie dann wieder in ihr Kloster zurück, aber die eigentliche Blütezeit war zweifellos vorüber. Dafür spricht auch die Zahl der Nonnen, die gegenüber dem Jahre 1448 mit 130 nun nur noch mit 20  angegeben ist. Dennoch muss in diesem zeitlichen Zusammenhang ein Vesperbild (Marienklage) genannt werden, das möglicherweise Meister Köllin aus Esslingen im Jahre 1471 für das Kloster Weil schuf. Mit der späteren Auflösung des Klosters wanderte es in die Kirche zu Hedelfingen, wohin Weil 1772 eingepfarrt wurde. Jetzt ist dieses Meisterwerk im Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart (Altes Schloss) aufgestellt und ist ein letzter Hinweis für die Glaubensinbrunst im klösterlichen Leben.