Thema im Oktober

Beständige Mitverantwortung

"Kirchengemeinderat und Pfarrerinnen und Pfarrer leiten gemeinsam die Gemeinde". So sieht es unsere Kirchengemeindeordnung vor und das ist gut so, dass hier nicht einer alleine diktiert, was geschehen soll.
Und ich bin dankbar, dass wir bei uns sogar mehr Zusagen von Kandidatinnen und Kandidaten für die nächste Kirchenwahl haben als es die uns vorgegebene Mindestanzahl vorsieht.
Und dies offenbar entgegen der Tendenz, die Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung "grassierende bürgerschaftliche Abstinenz" nennt.
Es ist nicht mehr selbstverständlich, dass sich sehr viele im Gemeinwesen mit Ideen und Freude, Zeit und Kraft, Verlässlichkeit und Geduld ehrenamtlich einbringen. Hier Mitverantwortung übernehmen und auch dran bleiben, wenn es für Verbesserungen "dicke Bretter" zu bohren gibt. Es dabei auch Frustrationen angesichts der Zähigkeit vielschichtiger Widrigkeiten auszuhalten gilt; nicht nur, wenn die Mittel knapp sind und nötige Genehmigungen unnötig viel Energie kosten.
Mir ist bewußt, dass nicht jede und jeder in der Situation ist, sich immer und überall einbringen zu können, auch weil sonst anderweitig verbindlich gegebene Zusagen nicht eingehalten werden könnten.
Doch unverzichtbar ist für alle, die sich selber einsetzen, ein Grundwohlwollen und einen Rückhalt bei denen zu finden, die derzeit ihre Gründe haben, "anderen den Vortritt" zu lassen. Es wäre auch in unserer Gesellschaft zu einfach, eigene Mitverantwortung für das, was uns gemeinsam angeht, nur auf andere abzuschieben, damit diese die geeigneten Rahmenbedingungen fürs höchstpersönliche Streben nach Glück schaffen. Und sie dann bei Mißbehagen zur personifizierten Zielscheibe sonst zielloser Anfeindungen zu machen.
Es geht nicht um unkritische Begleitung von "Entscheidungsträgern", manchmal wird man nach Jahren in Gremien auch betriebsblind und da helfen einem kritische Rückmeldungen durchaus, aufmerksam zu werden.
Doch wer soll in der Politik noch bereit werden, sich konstruktiv einzubringen, wenn man dort genauso sachbezogen ahnungslos wie persönlich rücksichtslos beleidigt und bedroht werden darf? Es darf nicht zulässig sein, wenn gehässige, fäkalssprachliche Beleidigungen sogar gerichtlich für "zulässige Meinungsäußerungen" erklärt werden. Was soll daran noch "Auseinandersetzung in der Sache" sein?
In der Sache haben wir derzeit genug Anlass hellwach und besonnen zu sein, wenn in unserer Welt Regierende sich selbst ermächtigen und über das für alle geltende Recht erheben und andere von der Mitsprache ausschließen wollen, um selber kopflos durch die Wand zu gehen.
Max Frisch hat in "Biedermann und die Brandstifter" mal durchgespielt, was passiert, wenn einer nur naiv zuschaut, während Entschlossene Fässer mit Brandbeschleunigern ins Haus tragen. und er es sich gegen das Offensichtliche schönredet, dass sie ja nicht ernsthaft Brandstifter sein könnten.
Wo es derzeit über 70 000 Brandherde im Regenwald gibt, muss klar werden, dass die Bewahrung der Schöpfung nicht nur Interesse von übersensiblen und weltfremden Gutmenschen ist, sondern auch unverzichtbare Lebensgrundlage derer, die sich sonst nur für sich selber interessieren.                (P.R.)