Thema im Juli - September

"Dein Freund und Helfer"

Wir gehen oft rasch wieder zur Tagesordnung über. Viele waren oder zeigten sich erschüttert über den Gewaltausbruch in Stuttgart, bei dem die Plünderungen entlarvten, dass es sich nicht nur um einen "stummen Schrei nach Liebe" handelte...
Freilich, wo geht man hin, wenn man in einer Gesellschaft erlebt hat, dass einem die Türen, hinter denen "ordentlich" gefeiert wird, verschlossen bleiben, weil man als nicht "fein", "reich", "schön", "gebildet", "bekannt" oder "einheimisch" genug angesehen wird? Dorthin, wo man hofft, in Ruhe gelassen zu werden, - in die dunklen Ecken im Schatten des Tempels der Stuttgarter Hochkultur. Selbstversorgt berauscht mit Mitteln, die einen das eigene Elend, aber auch Selbstmitleid nicht so sehr spüren lassen.
Dass jemand erbost reagiert, wenn er auch noch am vermeintlichen Rückzugsort kontrolliert und ertappt wird, kann ich mir "erklären", aber es rechtfertigt keine blindwütige Brutalität.
Wir haben gemeinsam die Aufgabe, in unserem Gemeinwesen dafür zu sorgen, dass das Zusammenleben anständig und fair bleibt. Doch diese wird zu oft gleichgültig an Mitmenschen wegdelegiert, die wir dafür beschäftigen, dass sie es "schon richten" werden. Die dafür ihren Kopf hinhalten und die Kohlen aus dem Feuer holen, wo Probleme nicht vorbeugend gelöst oder aufgrund anderer Prioritäten ignoriert wurden. Es ist gut und richtig, dass das Gewaltmonopol beim Staat liegt und nicht jeder nach Belieben in Selbstjustiz seine eigenen Vorstellungen durchsetzt, was er für sein "gutes Recht" hält, zugleich aber Worte wie "Mitverantwortung" oder "Selbstdisziplin" für eine Zumutung hält. Es kann manches "entschärfen", wenn in einem Konflikt über die beteiligten Streitparteien hinaus noch eine dritte Position hinzukommt, und diese unbefangen die jeweils andere Seite zu hören vermag. Gerade darum dürfen wir aber die von uns beauftragten Hüter unserer Ordnung nicht länger im Stich lassen und zulassen, wie anonym Hetze angefeuert wird oder uns unbeteiligt als belustigte Gaffer dazu stellen. 
Man braucht auch keineswegs auf dem rechten Auge blind zu sein, wenn man dankbar ist für die vielen unspektakulären, auch freundlichen und hilfreichen Einsätze, die übers Jahr geschehen, ohne in den Medien besonders erwähnt zu werden.
Schon wenn beim simplen Blechschaden eines Auffahrunfalls die strittige Sachlage aufgenommen wird. Wenn eine akut misshandelte Frau an der Pfarramtstüre steht und es rufbereite Helfer gibt, die in Bedrohungslage ein Annäherungsverbot aussprechen und durchsetzen können. Wenn wir bereits vor über 12 Jahren in den Kindergärten in guter Kooperation Gewaltpräventionsprojekte wie "Flipsy und Kasimir" durchführen konnten, bei denen Kindern Handlungskompetenz zur Bewältigung von Gefahrensituationen zu vermitteln werden sollte...
Es gibt auch in zunehmend "digital" bestimmten Zeiten viele Situationen, wo eine "App" nichts nützt, weil es da Freunde und Helfer braucht, die real und rasch eingreifen. Gut, wer sich in der Not auf sie verlassen kann. Gut, wenn wir nicht vergessen, zu ihnen auch selber freundlich zu sein.   (P.R.)