Thema im November

74 – „Und sie aßen und wurden satt.“

Was dann, wenn man nicht mehr so weitermachen kann wie bisher?
An Erntedank stellte sich die Frage.
Gottseidank nicht so, dass es für Erntedank bei uns keinen Grund gegeben hätte. Im Gegenteil – es gab sogar die beste Weinlese seit langem.
Feiern wie bisher ging nicht mehr. Unser traditioneller Erntedankgottesdienst mit Kindergarten und mit Männerchor in der Liebfrauenkirche war so nicht mehr möglich, weil es im Kindergarten zuwenig Kinder gab, die an einem Evang. Gottesdienst teilnehmen und Sänger gab es für einen Auftritt auch nicht mehr in genügender Zahl.
So berieten wir im Kirchengemeinderat und beschlossen, jetzt an Erntedank etwas auszuprobieren: Anstelle des traditionellen „Schnitzelessens“, das die einen sehr schätzen und die anderen nicht so sehr begehren, wollten wir ein selbstorganisiertes Büfett anbieten. Und ohne einen Umzug vom Dankgottesdienst in der Liebfrauenkirche in den „Speise“-Raum des Gemeindehauses sollte beides im großen Saal stattfinden.
Doch das Wagnis war: Kann sowas gelingen und wird es für alle reichen? Auffallend war, dass es hier um dieselbe Frage ging wie in der biblischen Geschichte vom Speisungswunder.
Die spannende Frage in unserer Welt ist doch, wie es gelingen kann, dass dort, wo es eigentlich genug für alle gibt, auch alle genügend bekommen. Es funktioniert nämlich nur, wenn das Wunder des Glaubens geschieht.
Solange nämlich keiner glaubt, dass der Mitmensch neben mir etwas für mich „übrig haben“ wird und mir auch etwas gönnt, was gut ist und ihm selber schmeckt, wird jeder das eigene für sich zurückhalten und in der eigenen Tasche verbergen oder gar nicht erst kommen.
Wieso ist das so? Wo ich glaube, vertraue ich drauf, dass das stimmt, was mir versprochen wird. Ich verlasse mich drauf und handle dann entsprechend. Glaube kann sehr schöpferisch sein und etwas hervorbringen, das es vorher nicht gibt. Das Festessen zu Erntedank ist nur deshalb wirklich geworden, weil alle, die gekommen sind, unserer Einladung geglaubt haben. Hätten alle daran gezweifelt und es für eine Falschmeldung gehalten, wäre niemand gekommen und dann hätte nichts stattgefunden. Ohne Glaube wär’s nix geworden. Wissen konnte das vorher keiner.
Liest man die Bibel vernünftig, dann zeigt sich, dass das Wunder nicht darin besteht, dass Jesus etwa Steine zu Brot macht, sondern aus Angst um sich selbst versteinerte Menschen dazu bringt, füreinander etwas übrig zu haben. Und hier war ja auch das Mit-einander Essen nur eine beispielhafte Form des Miteinander Lebens:
In einer Gemeinde gehören alle, die dazu gehören, an den Tisch: Alle, die es angeht und betrifft, sollen mitreden, mitwirken, mitessen. Keine Person sollte ausgeschlossen sein.
In einer Gemeinde gehört alles, was alle betrifft, auf den Tisch. Alles worum es geht, soll gemeinsam besprochen, bearbeitet, bekommen werden.
Nichts sollte ausgegrenzt und unter den Teppich gekehrt werden.
„Gemeinsam an einem Tisch“ – und wo 74 Menschen soviel mitbrachten, dass es für sie selber reichte, gab es vielfältige Auswahl und „ sie aßen und wurden satt“. Gottseidank.   (P.R.)