Thema im April

Faifegrädler" und das Pareto-Prinzip

Sogar mir ist bekannt, dass eine Leiter, die nur acht statt zehn Sprossen hat, zu kurz sein kann. Aber das ist auch nicht im Blick, wenn von der bekannten 80 zu 20-Regel die Rede ist.
Neulich hörte ich mal, wie jemand mit Stolz erzählte, er habe da 150% Einsatz gebracht. Was großartig klang, machte mich stutzig. Ich stellte mir vor, dass ich versuche, 150 % Saft in ein Glas zu füllen. Davon ist dann 50% nicht nur im wahrsten Sinne "überflüssig", sondern auch die Umgebung muss dann von dem schwungvoll "daneben" Gegangenen wieder gereinigt werden.
In der Regel, die nach dem italienischen Ökonomen Vilfredo Pareto benannt ist, geht es schlicht um die Einsicht, dass sich 80% von einem gewünschten Ergebnis zumeist mit 20% Aufwand erreichen lassen. Für die auf 100% fehlenden 20%, für eine unübertreffliche Perfektion oder die Note "Sehr gut" brauchte es schon in der Schule erheblich viel mehr Aufwand als für ein "Gut". Heißt das jetzt also, wir sollen keine Güte mehr anzielen und nur noch qualitätsreduziert arbeiten? Nein.
Aber es fällt zunehmend auf, dass wir einen immer größeren Anteil unserer Energie für Details aufwenden müssen, die uns für andere Bereiche nötig fehlt.
Wieviel Zeit verwenden wir derzeit für die protokollarisch "korrekte" Verschriftlichung von Konzepten, die wir nötiger für konkrete inhaltliche Arbeit bräuchten? Manchmal führt Streben nach Vollkommenheit auch zum "Nix geht mehr"-wenn wir die uns möglichen 80% nicht ausführen, weil uns die letzten 20 Prozent noch fehlen oder gar hindern.
Also: Lasse ich den Geburtstagsbesuch ausfallen, wenn ich keine Blumen mitbringen kann, weil der Laden zu ist?
Exemplarisch erscheint mir, wie ich mal pünktlich zum Haarschneidetermin an der Ladentheke stand und mein Gegenüber vertieft in einen Bildschirm starrte. Nachdem ich meinen Namen buchstabiert hatte, hörte ich: "Ich finde Sie nicht!" - "Wieso? Ich stehe doch vor Ihnen." Geht es ohne die Statistik meiner früheren Haarschnitte nicht mehr?
Mit humorvollem Blick auf Abläufe in Büros und Gremien bemerkte jemand: Über die Dinge mit den geringsten Kosten oder Auswirkungen wird am längsten diskutiert. Oft solange Zeit dafür gegeben ist. Die wichtigen und weitreichenden Entscheidungen fallen oft rascher... 
 
"Faifegrädler" - der Name unseres Kirchturms, an dem man von unten nur 4 seiner 5 Türme sehen kann, redet ja vom "Fünfe grade sein"- lassen: 80 von 100. Daraus spricht die gnädige Weisheit, dass man etwas "gut" sein lassen darf und nicht verzweifeln muss, wenn beim besten Willen das allumfassende "sehr gut" nicht erreichbar ist. Bevor man stattdessen gar nichts mehr anfängt: "...verricht das Deine nur getreu...", also bete und tue unverzagt das, was du kannst, auch wenn sonst jeder weiß: etwas fehlt grad noch, das geht eben grad nicht - "und trau des Himmels reichem Segen. so wird er bei dir werden neu." (EG 369,7).
Natürlich heißt es: "Das Bessere ist der Feind des Guten" - aber derzeit, wo uns das früher Normale schon schwer genug gemacht wird, dürfen wir uns getrost von der Marketing-Sprache freimachen, bei der nur überbietende "Spitzenleistungen" etwas zählen. Denn wo uns das nicht mögliche Bessere zum Nichtstun verdammen will, ist es der Feind des immerhin Guten. Das darf nicht sein. (P.R.)