Thema im Dezember und Januar

„Werte liefern, das können auch andere"

Auf den so überschriebenen Artikel in der FAZ machte mich jemand aufmerksam. Ich hatte ihn bereits gelesen. Kritisch vermerkt der Autor dort, dass die Kirche Gott in der Welt nicht mehr verlässlich „repräsentieren“ könne und sich stattdessen als Wertelieferant dem Gemeinwesen anbiete.
Es ist richtig, dass Werte auch andere liefern können. Meine erste Frage wäre aber, welche bekommen wir dann?
Welche „Werte“ bringen uns dazu, aus Weihnachten den Weihnachts-„Markt“ und den Nikolaus nur noch als Dekoration zum Nikolaus-„Markt“ zu benutzen? An vielen Stellen (“Diesel“, „Fifa“, „Pestizide“, „Fake-News“, „Implantate“, „Waffenlieferungen“...) wird derzeit erkennbar, dass bei der Frage Geld/Gewinn oder Leben/Gesundheit stets so entschieden wird, dass nicht die Geschäftsmodelle lebensdienlich, sondern die Mitgeschöpfe marktkonform zu sein haben.
Das liegt an den Werten selber: Sie stellen zunächst eine „Kaufmanns“-Kategorie dar, derzufolge etwas mehr oder weniger den Preis wert ist. Das bedeutet aber, dass es zugrundeliegende andere Größen sind, die darüber entscheiden, was der tagesaktuelle „Wert“ einer Sache ist: Nämlich, wer einen Vorteil von Verteuerung oder Verbilligung hat. Gefährlich wird es, wenn wir die Kategorie „Wert“ unbesehen auf den Menschen anwenden. Wo unterschwellig vorrangig gefragt wird, wie viel dürfen uns saubere Luft, Meere und Gesundheit „wert“ sein, wo die Bewahrung der Schöpfung und die Ehrfurcht vor dem Leben auch dem Gesetzgeber zu einer Frage des Preises wird, da wird die „Würde“ der Mitgeschöpfe angetastet. In der Bergpredigt weist Jesus klar darauf hin, dass hier die Grundentscheidung getroffen sein muss: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“
Wo die Würde eines Menschen einmal nur von seiner Be-Wert-ung abhängt, wird manches Leben früher oder später als lebens-unwert bezeichnet werden. In digitalen Zeiten bezahlen wir ja auch schon mit unseren Daten, die uns als kaufkräftige Kunden oder prekäre Konsumenten bewertbar machen.
Dies führt zu den seltsamen Erscheinungen, dass es schon Vorstöße gab, aus Datenschutzgründen an Wohnungsklingeln die Namenschilder abzunehmen, womit Menschen im realen, „analogen“ Leben zu anonymen Nummern werden, die real sozial schwer erreichbar und abgesondert verschlossen leben und zugleich online aufs Gründlichste durchleuchtet und vermessen sind. Wenn dann eine automatisierte Auswertung der gesammelten Daten über meine „Verwertbarkeit“ entscheidet, wie teuer eine Versicherung für mich wird, ob ich – Beispiel Österreich – beim Arbeitsamt noch eine Förderung bekomme, oder ob ich ins programmierte Zielbild einer Drohne passe, dann wird’s paradox.
In unseren über-informierten und zugleich unter-reflektierten Zeiten halte ich es für wichtig, dass wir im „Analogen“ nicht verarmen. In der alten „Weihnachtsbotschaft“, nach der Gottes Wort „Fleisch“ geworden ist, also die reale zwischenmenschliche Greifbarkeit gewürdigt hat als seine „Repräsentation“ kommt genau dies zum Ausdruck, dass Liebe nicht nur in „virtuelle“ Räumen, sondern ins wirkliche Leben gehört. Diese „wert“-lose Wahrheit muss unangetastet bleiben. (P.R.)